Genetik vs Umwelt und der Faktor der Epigenetik

Nach einer weit verbreitete Meinung, lassen sich die Ursachen chronischer Erkrankungen in zwei Hauptfaktoren, in erworbene Anteile, die durch äußere Faktoren hervorgerufen werden, und genetisch bedingte Anteile, die wir von unseren Vorfahren mitbekommen, als innere Anteile unterteilen.[1]
Dabei wird die Einteilung zwischen äußeren Faktoren, wie z.B. Umweltgifte, und meiner genetisch mitgebrachten Widerstandsfähigkeit (gegenüber diesen Umweltgiften) durch die Epigenetik teilweise auf den Kopf gestellt.

Genetisch bedeutet, dass die Information in der DNS (Desoxyribonukleinsäure, oder englisch DNA mit A für Acid = Säure) abgespeichert ist.
Hier wäre also die genetische Ebene, die bestimmt, wie widerstandfähig ich gegenüber Umweltfaktoren bin.
Wenn ich „gute“ Gene mitbekommen habe, bin ich weniger empfindlich und merke erst später meine Probleme oder vielleicht auch überhaupt nicht. (z.B. der hundertjährige Raucher, der schon seit 90 Jahren Kette raucht und keinerlei Probleme hat vs dem krebskranken 35-Jährigen, der vielleicht nur ein paar Jahre geraucht hat)
Deshalb ist auch die Festlegung von Grenzwerten für bestimmte Schadstoffe so problematisch. Die genetisch festgelegte enzymatische Entgiftungsleistungen differiert von Mensch zu Mensch und ist normalerweise auch anfänglich nicht bekannt, weshalb man nicht im voraus wissen kann, wie empfindlich jemand auf einen Schadstoff reagiert. Auch wird bei den Grenzwerten für einzelne Schadstoffe die Wechselwirkungen der Schadstoffe untereinander, und die damit veränderte Wirkung auf den Organismus, nicht berücksichtigt.

Dann gibt es aber auch die epigenetische Ebene. Aber was ist das?

Wenn ich meine chromosomale DNA betrachte (also die DNA, die bestimmt, ob ich männlein oder weiblein, blond oder dunkelhaarig oder ähnliches bin.), dann habe ich wahnsinnig viel Information, die aber auf einem winzig kleinen Raum eingesperrt ist. Das geht aber nur, weil die DNA verpackt ist. Wenn ich das mit einer Bibliothek vergleiche, dann würde ich alle Bücher in Kartons packen und die Karton noch stapeln. Dadurch spare ich unheimlich viel Platz, aber in so verpackten Büchern kann ich weder lesen, noch bestimmte Informationen suchen! Also klebe ich mir auf die Kartons Aufkleber, die mir sagen, wo ich meine Informationen, die ich im Moment brauche, finden kann. Das macht meine Zelle mit Methyl-Resten, mit denen meine DNA markiert wird. Deshalb macht eine Leberzelle das, was eine Leberzelle machen soll, und eine Hirnzelle das, was eine Hirnzelle machen soll, obwohl beide die gleiche DNA in sich tragen.
Die Markierung mit Methyl-Resten nennt man das Methylierungsmuster. Man weiß inzwischen, dass das Methylierungsmuster durch Umweltfaktoren, wie z.B. meine Nahrung (Man ist, was man ißt!), Erkrankungen, mein Verhalten oder aber meine Psyche beeinflusst wird.
Veränderte Methylierungsmuster werden in Zusammenhang mit der Onkogenese, also der Entwicklung von Krebs, gebracht.[2][3]
Gegenstand aktueller Forschung ist, ob diese Informationen an die nächste Generation weitergegeben wird. Dazu gibt es zwar deutliche Hinweise aus der Botanik und der Tierforschung, aber, ob das den Menschen betrifft, muss erst noch zweifelsfrei bewiesen werden.[4] (Nicht desto trotz sind die Mechanismen, die hinter der Methylierung von DNA stecken, so rudimentär, das es schon an ein Wunder grenzen würde, wenn dieses Problem ausgerechnet bei uns Menschen nicht auftreten sollte.)
Deshalb hat meine Ernährung, meine Psyche, die Umweltgifte und so weiter nicht nur eine Wirkung auf mich und meine Zukunft, sondern aller Wahrscheinlichkeit nach auch auf die Zukunft meiner Kinder und der nachfolgenden Generationen und bestimmt damit auch wieder, wie widerstandsfähig die dann sein werden.

1: Uwe Ohmer, Chronische Erkrankungen erfolgreich behandeln mit der Regenerativen Mitochondrien-Medizin, tao.de in J. Kamphausen Verlag, 2013
2: David S. Shames, John D. Minna, Adi F. Gazdar, DNA Methylation in Health, Disease and Cancer, 2007,85-102 ,Curr. Mol. Med.
3: Robert A. Weinberg, The biology of cancer, Garland Science, 2014
4: Berhard Kegel, Epigenetik – Wie unsere Erfahrungen vererbt werden, DuMont, 2017

 

(c) Thomas Würzler

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